Aussagen von Frau Raue zu Theo Schneider (Künstlername Pater Theo Schneider SJ)

Den Kommentar von Herrn Müller zu einer gekürzten Email von Frau Ursula Raue, der Missbrauchsbeauftragten der Jesuiten, wollen wir als Beitrag zur Verfügung stellen. An dieser Stelle eine erneute Ermutigung aufschlussreiches Material zum Umgang der deutschen Provinz der Jesuiten und Umfeld hier öffentlich zu machen.


Die folgende Email von Frau Raue habe ich erhalten. Zur Weiterleitung hat diese ihr ausdrückliches Einverständnis gegeben. Da ich im Gegensatz zu Frau Raue den Persönlichkeitsrechten Unbeteiligter und Betroffener hohen Wert zumesse, musste ich die Email entsprechend kürzen.

*Betreff:* Fw: AW: Fragen aus Bonn
Sehr geehrte […],
Ich versuche, Ihre Fragen zu beantworten.
[…]
zu 4: Selbstverständlich habe ich weder den Träger des Pseudonyms “Ignatius” noch dessen Anwalt vorab informiert. Gemeinsame Gespräche mit der Kollegsleitung, dem mutmaßlichen Täter und mir gab es nicht.

zu 4 (2): Mein erstes Gespräch mit P. Schneider fand im April 2007 in Bad Godesberg statt. Da ging es um P. Stüper. Dann gab es Telefongespräche im Januar und Februar 2010. Anfang Februar 2010 habe ich der Ordensleitung vorgeschlagen, P. Schneider als Schulleiter zu suspendieren. Das ist so geschehen. Später – am 14. Mai 2010 – habe ich mit P. Schneider ein längeres Gespäch geführt. Da ging es um seinen Werdegang als Jesuit und Pädagoge. Eine Beratung war das nicht. P. Schneider hat nach meiner Erinnerung sehr früh eine Anwaltskanzlei mit der Wahrnehmung seiner Interessen betraut.

zu 5: von einem anderen Missbrauchsopfer weiß ich nichts, deswegen kann ich zu der Äußerung nichts sagen. Am Ako wurden bereits sehr früh Anwälte eingeschaltet, die nach meiner Wahrnehmung nicht im Sinne von Mediation, sondern konfrontativ miteinander umgegangen sind. Es kann durchaus sein, dass dieses Vorgehen einen zugewandten und um Aufklärung bemühten Umgang miteinander
verhindert hat. Das ist eine Vermutung von mir.

zu 6: Ich war dort nie Schülerin. Meine wenigen Besuchen dort waren nicht geeignet, das tägliche Atmosphäre hinreichend beurteilen zu können.

zu 7: Die mir zugetragenen Fälle habe ich zunächst notiert und den einzelnen Einrichtungen und genannten Tätern zugeordnet. Berichte gingen nicht nur bei mir ein, sondern auch in den Schulen und im Provinzialat. Sofern die meldenden Personen damit einverstanden waren, wurden alle Daten bei mir erfasst. Darüber wurde weder mit den Einrichtungen noch mit dem Provinzialatüber irgendetwas “verhandelt”. Ich habe mich dann um die Missbrauchsopfer gekümmert, soweit die Informationen das zuließen. Allerdings stand ich in den ersten Monaten nach den Berichten im Januar 2010 unter sehr großem Zeitdruck. Das Telefon klingelte nahezu ununterbrochen von morgens früh bis in die Nacht. Mein Auftrag lautet, Verdachtsmomenten und Hinweisen auf möglichen sexuellen
Missbrauch nachzugehen und aufzuklären. Der oder die Täter werden bei hinreichendem Verdacht bei den Strafverfolgungsbehörden angezeigt und von dem oder den Opfern ferngehalten. Die Ordensleitung wird darüber informiert.

zu 8: Nach meiner Erinnerung habe ich mit Herrn Eschweiler nie gesprochen. Mit Herrn Haep gab es einzelne Gespräche, aber keine grundsätzliche Diskussion. Da die Situation am Ako bereits sehr früh von jeweils gegnerischen Anwälten bestimmt wurde, kann ich die emotionale Situation von Herrn Haep nicht beurteilen.

zu 9: Ich war im April 2007 dort. Es ging um die Fotos von P. Stüper. In der Folgezeit erreichten mich wenige Informationen. Das wahre Ausmaß , insbesondere die systematische sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen dort im Ako, habe ich damals nicht erkannt. Dazu hatte ich zu wenig Informationen.

zu 8 (2): Von alten Verbrechen am Ako habe ich erst erfahren, als ich nach den Presseberichten Ende Januar 2010 Berichte von Betroffenen bekommen habe. Wenn Sie damit auch den inzwischen verstorbenen P. Stüper meinen, dann habe ich von dem wahren Umfang seiner pädophilen Taten erst im Frühjahr 2010 erfahren.

Ja, die Aufgabe der Missbrauchsbeauftragten war zum Zeitpunkt meiner Bestellung 2007 eine “one-woman-show”. Allerdings sieht es im Nachhinein so aus, dass ich zum dem Zeitpunkt wohl im Bereich der katholischen Kirche die einzige Missbrauchsbeauftragte war, die nicht in die Hierachie der Organisation eingebunden war. Das nur nebenbei. Als die ersten Fälle von sexuellem Missbrauch
im Januar 2010 öffentlich wurden, war das die Spitze des Eisbergs. Und ich habe große Zweifel, ob wir das wahre Ausmaß je werden aufdecken können.
[…]
Meine Antworten gäbe ich – auch mit Ihren Fragen an mich – gerne an P. Zoll weiter, der sich um Vermittlung bemüht. Dazu benötige ich allerdings Ihre schriftliche Zustimmung. Sie sind aus meiner Sicht selbstverständlich frei, meine Antworten anderen zukommen zu lassen.
Bitte lassen Sie mich wissen, ob ich zur Aufklärung beitragen konnte oder welche Fragen für Sie offen geblieben sind.

Mit freundlichem Gruß – Ursula Raue
Ursula Raue
Rechtsanwältin und Mediatorin
Mommsenstraße 11
10629 Berlin
Tel 030 – 32 76 67 10
Fax 030 – 32 76 67 15

*Gesendet:* Donnerstag, 31. Januar 2013 17:26
*An:* uraue@gmx.de
*Betreff:* Fragen aus Bonn

Sehr geehrte Frau Raue,

ich komme auf Ihr Gesprächsangebot zurück.
[…]
4) Sie hatten mir erzählt, dass die Anwälte des mutmaßlichen Täters noch in der Nacht vor der Veröffentlichung Ihres ersten Berichts massiv versucht haben, die Passagen des “Ignatius” zu verhindern. Hatten Sie den träger des Pseudonyms mit dem Opferbericht konfrontiert? Kann es sein, dass die Interpretation und Einschätzung des Opfers, wie sie sich in Rabes Erinnerung festgesetzt hatte, von dem Täter selbst stammte? Gab es gemeinsame Gespräche mit Ihnen, dem betroffenen mutmaßlichen Täter und der Kollegsleitung? Wie hat die Kollegsleitung versucht, die Wahrheit über die Mitarbeiter des Kollegs herauszufinden?
4) Haben Sie als Missbrauchsbeauftragte des Ordens Pater Schneider beraten?
Wann? Haben Sie mit ihm über seine Empörung gesprochen oder ihn unterstützt/beraten, als er sich wegen des Vorwurfs der Mitwisserschaft gekränkt fühlte? Wann haben Sie von diesem Verfahren (Unterlassungsanzeigen gegen Missbrauchsopfer) Kenntnis bekommen? Haben Sie daraufhin beratend Schneider oder einem der Missbrauchsopfer zur Seite gestanden.
[…]
Ist Ihnen am Ako solche Realitätsferne begegnet? Haben Sie erst das Wissen um sexuellen Missbrauch in die Schule gebracht oder haben Sie ein informiertes Feld vorgefunden? Waren Sie mit diesem Fall auch befasst? Wer hat mit Ihnen darüber gesprochen? Das Opfer, die Kollegsleitung? Oder schien das gar nicht so relevant? Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man liest, wie schnell Stimmen von Eltern mobilisiert worden waren, die sich vernichtend über dieses Missbrauchsopfer ausgelassen hatten. (Dokumente dazu auf dem Blog: jesuiten.wordpress.com

6) Herr Mertes beschreibt die Atmosphäre am Ako während seiner Schulzeit als kalt. Wie haben Sie die Schule vorgefunden?
Mit wem haben Sie derart Atmosphärisches thematisiert? Welche Empfehlungen haben Sie der Kollegsleitung gegeben?

7) Haben Sie Ihre Funde/Befunde und die Fälle, die sich an Sie gewandt hatten, nur mit der Kollegsleitung verhandelt oder standen Sie darüber in direktem Austausch mit dem Provinzial? Wie hatten Sie Ihre Arbeit aufgefasst? Waren Sie als Ansprechpartner für Missbrauchsbetroffene erst einmal ein externer Puffer, der die Wucht der Vorwürfe auffangen sollte? Oder hatten Sie den Auftrag, wie ein Seismograph mögliche Gefahren oder Täter frühzeitig zu erkennen oder unschädlich zu machen? War das Ihre Aufgabe oder sollten Sie der Ordensleitung Hinweise geben?

8) Hatten Sie Gelegenheit, mit Herren Eschweiler und Haep über die Situation am Ako zu sprechen? Haben Sie Betroffenheit über die Vorgänge erlebt und das Ausmaß der Zerstörung in den Opfern? Oder galt die Sorge – wie Frau Zinsmeister beschrieb – eher dem guten Ruf der Einrichtung?

9) Wann ist Ihnen in Ihrer Funktion als Missbrauchsbeauftragte, die schon lange vor den Ereignissen 2010 im Amt war, das Aloisiuskolleg zum ersten Mal “aufgefallen”?

In diesem Augenblick schien das Aufgefallene eher die Größenordnung einer Nachlässigkeit zu haben oder sahen Sie damals schon die systematische Verstrickung oder vermuteten den pädophilen Himmel auf dem Berg? Mit wem haben Sie sich über diese Beobachtungen damals beraten?

8) Fühlten Sie sich in Ihrer Aufgabe eher in der Verantwortung, für das schwelende alte Leid, das durch Verstorbene verursacht worden war, Ansprechpartner zu sein? Oder ging es in höherer Priorität darum, akute Gefahren aufzuspüren oder aufzuzeigen?

Ich frage mich, ob der Job der Missbrauchsbeauftragten eine one -man-show war/ist? Kaum zu glauben, wenn ich mir die Anzahl der Fälle bundesweit vor Augen halte. Und das ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Sehr geehrte Frau Raue, Antworten auf diese Fragen würden mir helfen, das Geschehen zu verstehen. Und Verstehen ist für mich Voraussetzung dafür, dass ich dieses unselige Geschehen endlich begreifen und hoffentlich irgendwann auch einmal lassen kann.
[…]
Martin Buber sagte so treffend: “Pädagogisch fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung.” Meine Begegnungen mit Jesuiten waren durch Ausreden und Ausweichen geprägt. Vielleicht haben sie das auch erlebt?
Ich hoffe, dass Sie insofern von Ihren Auftraggebern abweichen und es möglich ist, mit Ihren Erfahrungen und Beobachtungen in der Aufarbeitung tatsächlich weiter zu kommen

Mit freundlichen Grüßen aus Bonn

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